
Lange galten Repair Cafés als Männerdomäne. Doch immer mehr Frauen übernehmen Verantwortung und zeigen, wie Reparieren zur nachhaltigen Alternative wird.
Bislang waren es vor allem Männer, die die globale „Recht auf Reparatur“-Bewegung geprägt haben, die unsere Wegwerfmentalität hinterfragt und dazu aufruft, Technik zu reparieren, statt sie ständig zu ersetzen. Ins Leben gerufen wurde das Konzept der Repair Cafés jedoch von einer Frau: der ehemaligen Journalistin Martine Postma. Trotzdem übernahmen lange Zeit vor allem Männer den Großteil der Reparaturen, die handwerkliches Arbeiten, Erfahrung, Geduld und technisches Geschick erfordern. Von echter Gleichstellung war man weit entfernt. Doch genau das beginnt sich nun zu ändern.
Heute stehen immer mehr Frauen an der Spitze der Reparaturkultur. Als Gründerinnen, Tüftlerinnen, Mentorinnen und Organisatorinnen leisten sie einen entscheidenden Beitrag dazu, dass die Zahl der Repair Cafés wächst. Inzwischen gibt es rund 3.800 Repair Cafés weltweit – viele davon auch in Europa und im deutschsprachigen Raum. Rückenwind erhält diese Bewegung auch politisch: Mit der EU-Richtlinie zum Recht auf Reparatur, die im Juli 2024 in Kraft getreten ist, wurden die Verbraucherrechte gestärkt und Reparaturen attraktiver gemacht, etwa durch längere Gewährleistungsfristen bei Reparaturen. In Deutschland unterstützt das Umweltministerium Repair-Initiativen zusätzlich mit dem Förderprogramm Reparieren statt Wegwerfen. Monat für Monat werden so weltweit zehntausende Geräte repariert und vor dem Müll bewahrt – ein messbarer Beitrag zur Kreislaufwirtschaft, zur Reduktion von Elektroschrott und zu einem bewussteren Umgang mit Technik.
Um besser zu verstehen, was diese Frauen antreibt, welchen Herausforderungen sie begegnen und was sie langfristig motiviert, hat Back Market mit fünf von ihnen gesprochen. Sie alle leisten Pionierarbeit, damit das Recht auf Reparatur und eine nachhaltige Reparaturkultur für immer mehr Menschen selbstverständlich werden.
Marcella Di Palo, Community-Koordinatorin für das Repair Café Nord-Irland:

Was ist die größte Herausforderung in deiner Arbeit?
„Verhaltensänderungen anzustoßen. Wir haben festgestellt, dass es am besten funktioniert, wenn Reparieren Spaß macht und kreativ ist. Deshalb setzen wir auf künstlerische Projekte und Workshops für junge Menschen – sie sind unglaublich neugierig und offen, Neues zu lernen.“
Was ist das Beste an deiner Arbeit?
„Die Arbeit in den Cafés trägt mich durch Zeiten, in denen mich die Nachrichten belasten. Wenn ich etwas repariere, habe ich das Gefühl, auch ein kleines Stück gesellschaftlichen Zusammenhalt wiederherzustellen. Vor Kurzem brachte eine Frau einen elektrischen Rollstuhl zu uns, der defekt war. Eine:r unserer freiwilligen Helfer:innen konnte ihn instand setzen – das war schon ein großer Moment. Die eigentliche Bedeutung wurde mir aber erst später klar, durch eine Facebook-Nachricht. Der Rollstuhl gehörte einer Frau, die auf einer Warteliste stand und sich selbst keinen neuen leisten konnte. Dank des Repair Cafés hat sie ihre Selbstständigkeit zurückgewonnen. Es gibt viele solche Geschichten und jede einzelne zeigt, was eine Reparatur bewirken kann.“
Phoebe Brown, Leiterin des Repair Café Wales:
Wie bist du dazu gekommen, defekte Technik zu reparieren?
„Ich habe hier mit 20 als freiwillige Helferin angefangen, weil ich eine Anzeige für eine studentische Mitarbeit in einem Repair Café gesehen habe. Das Konzept klang einfach spannend. Ich war schnell mittendrin, auch wenn ich am Anfang gar nicht wusste, wie man Technik repariert.
Heute erlebe ich als Leiterin regelmäßig, wie viel Freude diese Orte bei den Menschen auslösen. Zum Beispiel, als eine Familie kurz vor Weihnachten 200 Pfund sparen konnte, weil wir ihren Dyson-Staubsauger repariert haben. Oder als das Team von RE:MAKE Newport einen Laptop für eine Frau reparierte, die ihre Kinder zu Hause unterrichtet. Die Reparatur ersparte ihr die Anschaffung eines teuren Neugeräts und ermöglichte es ihr zugleich, ihren Kindern weiterhin Wissen zu vermitteln.“
Was ist für dich das Beste an Repair Cafés?
„Die Nachrichten sind im Moment schwer zu ertragen. Repair Cafés bieten einen Gegenpol: Man kommt mit einem kaputten Gerät, lässt es reparieren, verbringt gemeinsam eine gute Zeit und geht mit etwas Funktionierendem nach Hause. Für viele Menschen ist das im Jahr 2025 eine kleine, aber wichtige Erleichterung.“
Florine Paquay, Projekt-Managerin, Repair Together, Liège:

Wer kommt in der Regel in Repair Cafés? Was geben diese Orte den Menschen?
„Zu uns kommen Menschen aus ganz unterschiedlichen Gründen – weil sie Gemeinschaft suchen, Ressourcen schonen wollen oder einfach etwas reparieren möchten, das ihnen wichtig ist. Wir merken, dass viele es gerade jetzt schätzen, dass unsere Repair Cafés fair und zugänglich sind, weil das Leben insgesamt teurer geworden ist. Vor Kurzem haben wir zum Beispiel die Nähmaschine einer älteren Dame repariert. Diese kleinen Erfolge geben einem Kraft – besonders in Zeiten, in denen die Nachrichten schwer zu ertragen sind.“
Jane Owens, „Share and Repair“-Netzwerk-Koordinatorin, Circular Communities Scotland:

Wie bist du in die Welt der Reparatur gekommen?
„Ich komme ursprünglich aus der Kunst, und das hat meinen Blick auf Materialien nachhaltig verändert. Es klingt vielleicht abgedroschen, aber so etwas wie Müll gibt es nicht wirklich. Als Künster:in bewertest du materielle Dinge anders und diese Haltung bleibt dir ein Leben lang.“
Was ist das Beste an deiner Arbeit?
„Ich liebe es, mit unseren Freiwilligen ins Gespräch zu kommen und zu sehen, wie sehr sie die Herausforderung genießen und wie sie sich freuen, wenn sie etwas erfolgreich repariert haben. Es ist faszinierend zu beobachten, wie sie gemeinsam nach Lösungen suchen – und genau das ist einer der Gründe, warum ich meine Arbeit so gern mache.“
Melina Scioli, Mitgründerin des Club de Reparadores, Buenos Aires:
Der Club de Reparadores wird dieses Jahr zehn Jahre alt. Wie feiert ihr das?
„Wir veranstalten einen Wettbewerb für ‚schöne Reparaturen‛, bei dem Menschen ihre Reparaturprojekte einreichen und Preise gewinnen können. Damit wollen wir vor allem junge Leute ermutigen, sich mit dem Reparieren zu beschäftigen: So wird Reparieren sichtbar und greifbar.“
Dieser Job bringt viele Höhen und Tiefen mit sich. Welche Momente sind dir besonders in Erinnerung geblieben?
„Die Finanzierung ist immer eine Herausforderung, weil sich schwer in Zahlen abbilden lässt, was Reparaturen bewirken. Dafür gibt es keinen wirklichen Maßstab. Ich erinnere mich da an einen Mann, der einmal einen elektrischen Backofen vorbeibrachte und überzeugt war, dass man ihn nicht mehr reparieren kann. Doch eine:r unserer Freiwilligen schaffte es. Der Mann kaufte daraufhin eine Portion Chipá, ein Käsegebäck aus dem Norden Argentiniens, das wir im Ofen aufgebacken und gemeinsam gegessen haben. Solche Momente lassen sich nicht in Zahlen fassen.“
Fiona Dear, Co-Direktor, The Restart Project:

Was bedenken viele Menschen nicht, wenn sie etwas Neues kaufen, statt es reparieren zu lassen?
„In der Herstellung von Geräten wie Laptops oder Smartphones stecken enorm viele Ressourcen. Wenn wir sie nicht so lange wie möglich nutzen, verschwenden wir all das. Unsere Arbeit zielt darauf ab, dass Menschen Reparieren genauso selbstverständlich in Betracht ziehen wie den Neukauf – als etwas, das einfach, bezahlbar und sinnvoll ist. Umfragen zeigen, dass die Bereitschaft da ist. Jetzt geht es darum, Reparaturen wirklich leichter zugänglich zu machen.“
Was bleibst du an schwierigen Tagen motiviert?
„Mich motiviert das Gefühl, Teil von etwas Größerem zu sein. Die Verbindung zur weltweiten ‚Recht auf Reparatur‛-Bewegung gibt mir Kraft. Man spürt, dass unsere Arbeit Wirkung hat und dass wir gemeinsam etwas bewegen können. So wird klar, dass auch eine einzelne Person wirklich etwas verändern kann.“













