Der Autor Liam Murphy-Robledo reflektiert darüber, wie es ihm durch die Gewohnheit, höchst persönliche Musik auf CDs zu brennen, gelungen ist, bei seiner an Alzheimer leidenden Mutter schöne Erinnerungen wachzurufen.
Für meinen Onkel John waren CDs das ultimative Mittel, um Musik zu erleben. Ihre hohe und verlustfreie Klangqualität übertrifft auch heute noch die der meisten Streaming-Dienste. Doch die Gründe, aus denen er dieses physische Medium bevorzugte, reichten weit über Samplingtiefen und andere technische Aspekte hinaus.
Eine CD abzuspielen ist ein besonderes Sinneserlebnis. Man lauscht gespannt, wie sie sich in einem klobigen Player zu drehen beginnt, während der Laser ihren Inhalt entschlüsselt. Doch eine CD zu brennen ist einzigartig. Denn dieser Prozess verwandelt Musik in etwas Greifbares, indem man ein physisches Medium mit seinem eigenen Wesen erfüllt. So wird aus einer silbernen Maxell-CD mit 700 MB eine liebevoll zusammengestellte Playlist, eine persönliche Radiosendung, ganz nach dem eigenen individuellen Geschmack, oder sogar eine bewegende Reise in die Vergangenheit. Und mein verstorbener Onkel John, der im Grunde eine Ein-Mann-Progressive-Rock-Band war, war sich dieser Tatsache nur allzu bewusst.
Es gibt ein Foto, das seine Persönlichkeit perfekt einfängt: Wir schreiben das Jahr 2001. John steht in seinem Wohnzimmer neben einem klobigen Packard Bell Legend und seinem zuverlässigen Roland XP-60-Keyboard. Er sieht aus wie der stolze Vater eines Kindes, das beim Sportfest auf dem Siegerpodest posiert. Mit diesem Equipment komponierte er seine eigenen Songs, alles Geschenke an seine Mutter Dorothy. Dank seines guten alten digitalen 12-Kanal-Aufnahmestudios konnte er diese Musik später auf physische Tonträger bannen: Sein Korg D3200 war ein zuverlässiges Schwergewicht seiner Zeit – und es war im wahrsten Sinne des Wortes schwer –, mit 32 Spuren und einem Mischpult mit 40 Eingängen. Es verfügte über ein eingebautes CD-RW-Laufwerk, das ein unverkennbares Surren von sich gab und dem Nutzer damit signalisierte, dass sein Werk gerade zum Leben erweckt wurde.

Der Autor und sein Onkel John, der CDs brennt.
Die Amateuraufnahmen meines Onkels (die er in Eigenregie unter seinem Label „Smoking Pig Productions“ auf CD brannte) unterschieden sich grundlegend von denen, die ich mir damals bei HMV kaufte. Zum einen sahen sie anders aus: Ihre Cover waren übersät mit Cliparts von tanzenden Schweinen und zusammengewürfelten Bildern, die mit einem Augenzwinkern Bandmitglieder wie „Hugh Jarse“ und „Annie Oldiron“ vorstellten. Zum anderen fühlten sich anders an: Sie bestanden aus grobem Druckerpapier, das in dünnen, im Laden gekauften CD-Hüllen steckte. Vor allem aber klangen sie anders: Denn Johns Lieder waren persönliche Liebeserklärungen an den Alltag, inspiriert von Leuten wie Robert Wyatt, Charles Mingus und der ausgefallenen Canterbury-Prog-Szene der 1960er Jahre. Er schrieb Songs über seinen blauen Elektroroller „Mr Shark“, die mit fröhlichen, rhythmischen Roller-Huptönen unterlegt waren, oder auch Lieder wie „Bland Man’s Bluff“, die wunderbar altmodisch waren und nur so vor banalem Optimismus strotzten: „Du musst kein Held sein … pflege deinen eigenen kleinen Garten, solange du kannst, bleib dir selbst treu.“ Echte Erinnerungsstücke.
Was meine Großmutter von diesen mehr als 10 Minuten langen Prog-Experimenten hielt, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass sie sie in einem Schuhkarton direkt neben ihrem silbernen Hitachi CX-70UK-Player aufbewahrte. Und mit dem Fortschreiten ihrer Alzheimer-Erkrankung wurden diese CDs immer wertvoller für sie. Denn zum einen waren sie physische Objekte, die in einer zunehmend entmaterialisierten digitalen Welt eine besondere Bedeutung hatten. Und zum anderen waren Johns Texte in der Lage, alte Erinnerungen wachzurufen. Ein Lied, das er im Jahr 2008 anlässlich ihres 90. Geburtstags für sie geschrieben hatte, erinnerte sie voller Nostalgie an ihre Zeit bei der Stradbroke Music Hall Society. Außerdem hatte John kurze Grußbotschaften von uns allen aufgenommen, die als herzerwärmende Einschübe zwischen seinen schrägen Liedern zu hören waren. Kleine Momente, die meine Großmutter daran erinnerten, von wie viel Liebe sie umgeben war.

Liam Murphy und seine Mutter Joan.
John starb im Jahr 2014, zwei Jahre nach seiner Mutter Dorothys. Doch dank seiner unglaublichen Arbeit an seinem Korg D3200 hat er uns wesentlich mehr hinterlassen als nur Erinnerungen, an denen wir uns erfreuen können. Meine eigene Mutter Joan leidet heute im Alter von 71 Jahren ebenfalls an Alzheimer. Gespräche mit ihr – so wunderbar sie auch nach wie vor sein mögen – verlieren sich oft in Nebensächlichkeiten. Sie braucht beim Erzählen wesentlich mehr Hilfe als früher. Doch ihre Liebe zur Musik ist weiterhin ungebrochen. Deshalb habe ich, nachdem „Smoking Pig“ seine Produktion eingestellt hatte, mit meinem eigenen „Middle Man Radio“ (benannt nach meiner Rolle als mittleres Kind) die Tradition des CD-Brennens fortgeführt.
Inzwischen habe ich schon vier Folgen meines persönlichen Radio-Mixes auf Scheiben gebannt. „Middle Man Radio“ spielt jede Menge Songs, die meine Mama liebt: die typischen Cockney-Lieder, die sie von ihrer eigenen Mutter gelernt hat, und zur Abrundung noch ein paar Stücke von der Canterbury-Clique ihres Bruders. Aber ich schummle auch hie und da ein paar Songs dazwischen, von denen ich glaube, dass sie ihr gefallen werden, von Künstlern wie Junko Ohashi und Hiroshi Sato. Denn dass wir jahrelang gemeinsam Steely Dan und Phil Collins gehört haben, könnte ein Indiz dafür sein, dass sie insgeheim ein City-Pop-Fan ist.
Musik hat die Kraft, Erinnerungen zurückzuholen; diese Kraft schwindet niemals. Und das Brennen von CDs kann diese geradezu überirdische Kraft Wirklichkeit werden lassen.
Genau wie mein Onkel habe auch ich meiner Leidenschaft für Grafikdesign freien Lauf gelassen: Ich habe meine Mutter per Photoshop in eine DJane verwandelt oder ihr einen flotten Sombrero aufgesetzt (weil meine jüngste Sendung „Mit Feuer und Elan aus Mexiko“ während eines Auslandsaufenthalts entstand). Und genau wie mein Onkel habe auch ich meine Geschwister als „Anrufer“ in die Radiosendung eingebunden – sie hinterlassen meiner Mama Nachrichten, erinnern sie an Ereignisse, die im Laufe des Jahres stattgefunden haben, oder sagen ihr einfach, dass sie sie lieben.
Heute ist es aufwändiger, CDs zu brennen, als es damals für meinen Onkel war – ich schätze, das ist der Grund, warum man von einer „Slow-Tech-Revolution“ spricht. Ich beneide ihn um seine überschaubare Studioausstattung. Keiner meiner modernen Laptops verfügt noch über ein Laufwerk. Deshalb musste ich mir nun schon einige Male das Lenovo Thinkpad meines Vaters ausleihen. Trotzdem ist es jedes Mal ein unbeschreibliches Gefühl, wenn ich dieses zischende Geräusch höre, das davon zeugt, dass die Früchte meiner Arbeit auf einer CD verewigt werden. Ich mache diese CDs für meine Mutter, aber auch für die Zeit, wenn meine Geschwister und ich einmal älter sind und diese Tradition dann sicherlich an unsere eigenen Kinder weitergeben wollen.
Musik hat die Kraft, Erinnerungen zurückzubringen, und diese Kraft ist unvergänglich. CDs können diese beinahe magische Kraft zum Leben erwecken. Sie helfen uns, Neues zu lernen, zu wachsen, Dingen Wertschätzung entgegenzubringen und uns zu erinnern – und das ist nicht nur für Menschen mit Alzheimer etwas Wunderschönes, sondern eigentlich für jede:n von uns. Oder wie Onkel John es einmal so schön formuliert hat: „Hey-ho für das Leben des Geistes.“

