
Viele von uns schmücken ihre Laptops mit Aufklebern, aber wie der Autor James Balmont herausfindet, ist diese Angewohnheit psychologisch lohnend und etwas, das unvollkommene Technik normalisieren kann.
Laptops sind die Stoßstangen des digitalen Zeitalters. Wohin man im Jahr 2026 auch blickt, entdeckt man Laptops dekoriert mit Collagen aus kulturellen Artefakten und zu Slogans verkürzten Weltanschauungen – so wie sie früher auf Schulranzen, Gitarren und Kühlschränken zu finden waren. Dieses Phänomen ist inzwischen sogar so weit verbreitet, dass selbst Apple auf den Trend-Zug aufgesprungen ist: In seinen neuesten MacBook-Spots wirbt das Unternehmen mit Geräten, die mit Aufklebern von Bagels, Radiosender-Logos und Charlie-Brown-Bildern verziert wurden.
Und angesichts der Prognose eines 2025 veröffentlichten Verbraucherberichts, wonach sich der Markt für Laptop-Skins bis 2033 von 1,2 Milliarden auf 2,5 Milliarden Dollar mehr als verdoppeln wird, deutet nichts darauf hin, dass diese Form der Individualisierung in den kommenden Jahren an Popularität verlieren wird.
Dieser Trend, Geräte mit kleinen Unvollkommenheiten wertzuschätzen, trifft den Nerv der Zeit, nun da Back Market aktuell „Der Hässliche Rechner“ lanciert – eine neue Kategorie, die den verkannten Wert von Geräten mit leichten optischen Gebrauchsspuren würdigt, die häufig aufgrund vermeintlicher Makel ausrangiert werden und Gefahr laufen, als umweltschädlicher Elektroschrott zu enden. Diese neue Kampagne setzt sich für Geräte ein, die zu 100 % funktionsfähig sind, aufgrund ihres unkonventionellen Aussehens jedoch kaum Beachtung finden, obwohl sie eine zweite Chance verdienen.
„Ich glaube, dass wir mit unserer Technik etwas Poetisches ausdrücken können, indem wir Ja zu ästhetischen Mängel und insbesondere Sticker-Spuren sagen“, erklärt Adriane Gruau, Produktmanager bei Back Market.

Der Laptop von Boe La, der politische Botschaften übermittelt.
Doch abgesehen von poetischen Implikationen: Warum bekleben wir überhaupt aufwändig designte, hochwertige Geräte mit solch offenkundiger Unbekümmertheit? Dr. Meredith A. Johnson, Professorin für Rhetorik an der University of South Florida, stellte sich bereits 2010 einigermaßen fassungslos dieselbe Frage und ging diesem Thema in ihrer wissenschaftlichen Arbeit „Rhetoric of Ornament: Decorating Mobile Devices in the Aesthetic Economy“ auf den Grund. In einer Zeit, in der noch „bonbonfarbene iMacs“ und die iPhones der ersten Generation dominierten, wie Sie Back Market berichtet. „Damals waren iPods noch das Nonplusultra der Mobiltechnologie."
Johnson, die mit College-Studierenden arbeitet, erläutert weiter: „Die Beweggründe meiner heutigen Studierenden unterscheiden sich kaum von denen vor 15 Jahren. Laptop-Aufkleber sind ihr Weg, anderen zu zeigen, zu welchen Menschen sie sich gerade entwickeln.“ Manche nutzen ihre Laptops, um etwas über ihre Hobbys, zum Beispiel das Gaming, zu erzählen oder um deutlich zu machen, dass sie einer bestimmten Gemeinschaft angehören – einer Studierendenverbindung oder Fangemeinde. Andere wiederum verwenden Sticker, um „etablierte Normen und Ästhetik infrage zu stellen“ oder „an wichtige Orte oder gemeinsame Erlebnisse zu erinnern“.
„Durch die Berücksichtigung ästhetischer Mängel und Aufkleberspuren können wir mit unserer Technologie etwas Poetisches sagen“, – Adriane Gruau, Produktmanagerin bei Back Market.
Das Ergebnis ist ein sich ständig wandelndes Mosaik aus einzigartigen und persönlichen Geräten, das Farbe in eine ansonsten eher dystopisch grau anmutende Technik-Welt bringt – und das ist etwas, das es zu feiern gilt. Pünktlich zum bevorstehenden 20-jährigen Jubiläum des allerersten MacBooks, hat sich diese stille Geste als eine der beliebtesten Ausdrucksformen der heutigen Zeit etabliert.
Daisy Shayler-Webb, eine 37-jährige Requisiten- und Set-Stylistin aus London, hegt eine „seltsam leidenschaftliche Begeisterung für Sticker”. Ihre Dekorationen dienen ihr als Momentaufnahme ihrer Interessen, zu denen bestimmte Skater-Marken, Bands und Grafikdesigns im Comic-Stil zählen. „Eine Zeit lang konnte ich nicht einschlafen, ohne Vondelpark zu hören“, erzählt sie Back Market mit Blick auf den Aufkleber eines gelben Vogelschnabels auf ihrem MacBook aus dem Jahr 2009. „Sticker [wie dieser] sind wie kleine historische Wegmarken.“

Der Laptop-Aufkleber von Al Mills ist eine Hommage an die legendäre Band The Velvet Underground aus den 1960er Jahren.
Von einer ähnlichen Leidenschaft zeugt das Cover eines Geräts, das der 27-jährigen Musikmanagerin Al Mills gehört, für die ihre Laptop-Deko ihren Alltag widerspiegelt. „Ich habe zwei grundlegende Leidenschaften, und das sind The Velvet Underground und Jack Kerouac“, erklärt sie. Der erstgenannte Aufkleber, der 2019 aus einer Zusammenarbeit zwischen der New Yorker Band der 1960er-Jahre und der Bekleidungsmarke Supreme hervorging, ist „so unverschämt groß, dass er einen Ehrenplatz verdient“, sagt Mills. „Und das Gesicht von John Cale leuchtet jedes Mal auf, wenn ich meinen Laptop einschalte.“
Sticker werden allgemein gerne verwendet, um gegen etwas zu protestieren, um zu provozieren oder um die eigene Unterstützung für bestimmte Überzeugungen zum Ausdruck zu bringen. Während andere auf Laptops offen politische Ansichten kundtun (so ist auf dem Gerät der 24-jährigen Fotografin und Studentin Hayley Jay etwa „Fuck the Tories“ zu lesen) oder sich mit Geschlechterrechtsaktivisten solidarisieren (auf dem der 26-jährigen Illustratorin Boe La steht „Trans Joy is Magic“), ist Hughes’ Gerät ein subtiler Ausdruck seines nüchternen Lebensstils. Für Martin Aguilera, einen 43-jährigen Drehbuchautor und Filmemacher aus Los Angeles, ist das Engagement für eine Sache das Ergebnis eines „selektiven und bewussten“ Prozesses, den er erst vor Kurzem für sich entdeckt hat.
„Als ich mir einen Mac kaufte, beschloss ich für mich, dass ich nicht unbedingt Werbung [für] Unternehmen wie Apple machen wollte“, erläutert Aguilera. „Das Logo zu überdecken war für mich eine Möglichkeit, mich davon abzugrenzen." Als selbsternannter Bücherwurm und Filmfan hatte er ursprünglich vorgehabt, ein Bild von Pinhead aus dem Horrorfilm Hellraiser zu verwenden – doch nachdem er in der Los Angeles Library zufällig auf einen Aufkleber mit der Aufschrift „Read More Books“ („Lest mehr Bücher“) gestoßen war, machte er sich daran, eine wohlüberlegte Botschaft zu kuratieren.
„In Los Angeles ist derzeit eine riesige Bewegung im Gange, die sich für die Rückbesinnung auf physische Medien einsetzt“, sagt Aguilera, der es leid ist, dass digitale Streaming-Plattformen wie Netflix nur eine begrenzte Auswahl an Filmen bieten. „Da ich in einer Großstadt lebe, in der es nach wie vor Videotheken gibt, bin ich wieder dazu übergegangen, mir Filme auszuleihen. Und weil mir das so viel bedeutet hat, begann ich damit, die Orte, an denen ich viel Zeit verbringe, durch Sticker sichtbar zu machen – zum Beispiel die [Videothek] Videotheque, das Revival-Kino Vidiots und die Physical Media Society, die Filmvorführungen mit 16-mm-Filmen veranstaltet.“

Der Laptop von James Balmont, dem Autor dieses Artikels.
Die „berufliche oder akademische Identität“ bildet eine der fünf semiotischen Kategorien für die Gestaltung von Laptop-Covern, die Jeffrey Ian Ross, Professor an der University of Baltimore, im Jahr 2025 in seinem Artikel „The Semiotics of Laptop Computer Covers“ definiert hat. Und in Hollywood könnten Aguileras Logos von Unternehmen aus der Filmindustrie zudem als subtiles Networking-Instrument dienen oder ihre Glaubwürdigkeit unterstreichen. Dasselbe lässt sich auch über den Laptop der 32-jährigen Siobhan Bailey Turner sagen, der sie als Unterstützerin der britischen Naturschutzgruppe Project Seagrass und des brasilianischen Projeto Onças do Iguaçu ausweist. „Ich war vor ein paar Jahren in Brasilien und habe dort mit dem WWF Jaguare mit Halsbandsendern versehen“, berichtet Turner, die bei letztgenannter Organisation für die Beziehungen zu Prominenten zuständig ist. „Ich liebe meinen Job und habe mich schon immer für das Klima und die Natur im Allgemeinen engagiert.
„Laptop-Sticker sind eine Möglichkeit, sich der Welt zu präsentieren – und gleichzeitig ein wenig Werbung für seine Hobbys zu machen.“
Als ehemalige Freiberuflerin mit wechselnden Auftraggebern verbrachte Turner jahrelang viel Zeit in Cafés, zum Beispiel rund um den Londoner Broadway Market. Mit seinen Stickern von Allpress, Minor Figures und Roly Poly zeugt ihr aktueller Laptop noch immer von ihren zahlreichen Ortswechseln. „Ich liebe Kaffee. Ich bin süchtig danach“, sagt sie. „Und gleichzeitig schätze ich die Atmosphäre in Cafés. Ich finde es inspirierend, an solchen Orten zu arbeiten. Der Lärm und das geschäftige Treiben beflügeln mich und ermöglichen es mir, kreativ zu sein und mich zu konzentrieren.“
Ihre Gestaltung erfüllt zudem einen weiteren Zweck, den Johnson in ihrer Untersuchung hervorhebt: die Erinnerung an Orte, die man bereist hat. Auf Turners Laptop sind Stationen wie Kernow, also Cornwall, das Hotel Corazon auf Mallorca und der US-Bundesstaat Montana verewigt. „Montana gewann für mich letztes Jahr an Bedeutung, als ich dorthin flog, um das erste Mal meinen Freund zu treffen“, erklärt Turner, die die zugehörigen Sticker von eben dieser ersten Reise mitbrachte. Es tut gut, diese Erinnerungen stets nahe bei sich zu haben: „Wenn ich nach meinem Laptop greife, denke ich: ‚Oh, da ist mein Freund‘ oder ‚Wie wunderschön Montana doch ist‘, und das versetzt mich zurück in diese Momente. Es ist mir wichtig, diese Orte und Erinnerungen auf irgendeine Weise mit mir herumzutragen.“

Die Laptop-Aufkleber von Siobhan Bailey Turner sind eine Ode an ihre Lieblingsfußballmannschaft.
Unabhängig von Stil oder Format ist offensichtlich, dass mit Stickern verzierte Laptops vielschichtige und oft lebhafte Geschichten über ihre Besitzer und deren Lebenswege erzählen. Und sie zeigen auch, wie wichtig es ist, optisch unvollkommene Geräte zu würdigen und dazu beizutragen, ihr Aussehen in der Welt der erneuerten oder gebrauchten Geräte zu normalisieren. Johnson weiß die faszinierenden Geschichten, die sich hinter Laptop-Stickern verbergen, inzwischen zu schätzen: „Sie helfen mir, bessere Beziehungen zu den Studierenden aufzubauen“, erläutert sie, „denn durch ihre Aufkleber verraten sie mir, wofür sie sich interessieren und zu welchen Persönlichkeiten sie sich entwickeln.“
Viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, betrachten ihre Geräte als verlässliche Projektionsflächen ihrer Persönlichkeit – oder sogar als liebgewonnene Zeitzeugen, von denen sie sich nur ungern trennen möchten, und die sie nicht nur um ihrer selbst willen, sondern auch aufgrund der Erinnerungen in Ehren halten, die sich in ihren Sticker-Collagen widerspiegeln.
In einer Zeit, in der Nachhaltigkeit wichtiger ist denn je, gibt es – über rein sentimentale Aspekte hinaus – mehr als genug Gründe, unvollkommenen Technikprodukte zu pflegen und zu erhalten. Indem wir sie individuell gestalten und zu einem Teil von uns machen, verlängern wir ihre Lebensdauer, verursachen weniger Abfall und sorgen dafür, dass die Geschichten, die sie in sich tragen, weiterleben. Genau wie die Stoßstangen alter Autos haben auch diese mit Aufklebern übersäten Laptops zweifelsohne schon viel erlebt – und in vielen Fällen haben sie noch viele „Leben“ vor sich.











