Wie Back Market and Google die Slow-Tech-Revolution einläuten

16. März 2026


6 Min. Lesezeit


Thomas Hobbs

Journalist

Auf dem Mobile World Congress in Barcelona verkündeten Back Market und Google eine bahnbrechende neue Partnerschaft, um alte Geräte länger funktionsfähig zu halten. Thomas Hobbs spricht mit Expert:innen darüber, was das genau bedeutet.

 „Alleine schon, dass Google auf uns zugekommen ist, fühlt sich wie ein echter Wendepunkt an“, erklärt Joy Howard, Chief Marketing Officer bei Back Market. „Auch bei großen Technikkonzernen gibt es also ein Bewusstsein für Elektroschrott und die Auswirkungen, die Softwareentwicklung für das Veralten von Hardware hat. Wir erleben hier gerade etwas Historisches.“  

Howard sprach backstage beim Mobile World Congress in Barcelona, einer Veranstaltung, die ständige Upgrades eigentlich gerne feiert (die sogenannte Fast-Tech-Kultur). Doch dank der Zusammenarbeit von Back Market und Google fühlt sich der Mobile World Congress nun wie das Epizentrum einer Slow-Tech-Bewegung an, mit besseren Aussichten für uns alle.

„Dass Software-Updates mittlerweile über die Cloud entwickelt werden können“, fügt Howard hinzu, „setzt die komplette Logik der erzwungenen Upgrades außer Kraft. Für unseren Planeten kann das nur gut sein, da wir elektronische Geräte länger als je zuvor nutzen und endlich versuchen können, einen toxischen globalen Kreislauf zu durchbrechen.“

Ein Neustart  

Wie letzte Woche bekannt gegeben wurde, haben Back Market, der weltweite Marktplatz für professionell erneuerte Technik, und Google eine Partnerschaft für ein neues globales Programm geschlossen, in dem ab dem 30. März Chrome OS Flex USB-Sticks für 3 € auf der Website von Back Market gekauft werden können. Die Sticks werden auch kostenlos an Verkäufer:innen, Käufer:innen, Schulen und kleine Unternehmen verteilt – Formular online ausfüllen genügt. Auf den USB-Sticks ist Software, die automatisch Chrome OS Flex auf dem Rechner installiert, wenn Nutzer:innen sie einstecken. Dieses Cloud-basierte Betriebssystem von Google läuft auf vielen bekannten Laptops oder Desktop-Computern. Damit kann die Lebensdauer eines Geräts verlängert werden, falls es für sein Betriebssystem keinen Support mehr gibt.

Vielleicht gab es eine Zeit, in der die Idee einer Zusammenarbeit zwischen einem Fast-Tech-Konzern wie Google und Back Market, einer Marke, die für die Weiternutzung alter Geräte steht, unwahrscheinlich bis kontraintuitiv erschien. Alexander Kuscher, Senior Director bei Google, sagt jedoch, dass diese Verbindung beweist, dass die Fast-Tech-Welt ihren Fokus verändert. „Der Markt für erneuerte Technik wächst [bis 2031 geschätzt auf über 272 Milliarden US-Dollar]. Wir sehen eine große Veränderung im Konsumverhalten und in dem, was die Leute wollen“, räumt Kuscher ein.

„Die Leute verlangen, dass ihre Geräte länger Updates erhalten. Das verändert die Definition von ‚alt‘ grundlegend. Diese Veränderung ist in Echtzeit spürbar, und Back Market verkörpert sie als Marke. Die Mission von Back Market, Menschen Zugang zu Informationen zu verschaffen und vorhandenen Geräten neues Leben einzuhauchen, passt sehr gut zu Googles eigenem Zukunftsblick. Dieses USB-Programm ermöglicht es Verbraucher:innen, selber dafür sorgen zu können, dass ihre Google-Geräte so lange wie möglich funktionieren. 

Das Ende eines toxischen Kreislaufs

Kuscher geht davon aus, dass die Partnerschaft zwischen den beiden Marken weiter wachsen wird: „Es gibt 380 Millionen Windows 10-Geräte, die aufgrund der Einstellung des Betriebssystem-Supports durch Microsoft Gefahr laufen, veraltet zu werden. Ich würde mich freuen, wenn so viele wie möglich davon ‘flexbar’‘ gemacht würden. Ich glaube, dass es viele Kategorien in der Unterhaltungselektronik gibt, die von der Zusammenarbeit zwischen Back Market und Google profitieren würden.“

Während der Veranstaltung auf dem Mobile World Congress, bei der die Partnerschaft verkündet wurde, offenbarte die Premiere des neuen Dokumentarfilms von Back Market, “Dandora: Eine Geschichte über Fast Tech", genau den toxischen Kreislauf, von dem Howard spricht. Der Film zeigt den Alltag der Arbeiter:innen auf einer Elektroschrott-Deponie in Kenia – wie sie oft giftige Chemikalien einatmen und alles riskieren, nur um die mineralreichen Teile weggeworfener Technik zu verarbeiten, die der globale Westen bereits abgeschrieben hat.

Die Wissenschaftsautorin Gaia Vince sprach auf einer Podiumsdiskussion über die Vorstellung einer Welt nach Fast Tech, bei der Auftaktveranstaltung von Back Market und Google Mobile auf dem Mobile World Congress. Sie hofft, dass die Zusammenarbeit der beiden Unternehmen ein Auslöser dafür sein kann, dass Deponien wie die in Dandora, Kenia, seltener und eher als Schande für die Gesellschaft gesehen werden. „Ich glaube, dass geplantes Veralten ein Verbrechen ist“, sagt Vince. „Es ist ein Verbrechen gegen die Gesellschaft und ein Verbrechen gegen die Umwelt, weil wir alle die Kosten dafür tragen.“

Laut dem Ausbildungs- und Forschungsinstitut der Vereinten Nationen fielen im Jahr 2022 weltweit mehr als 62 Millionen Tonnen Elektronikschrott an, und diese Menge wächst fünfmal schneller als die Zahl des offiziell gesammelten und recycelten Schrotts. Jedes Gerät, das ersetzt wird, bevor es wirklich notwendig ist, erhöht den Druck auf Deponien, Lieferketten und die strategischen Ressourcen, die für die Herstellung neuer Hardware erforderlich sind.

Eine kollektive Neubewertung von Fast Tech

“Wir befinden uns schon lange in einer Phase, in der Verbraucher:innen mit ständigen Upgrades überhäuft und dazu erzogen werden, immer das Neueste zu wollen“, fügt Vince hinzu. „Aber diese Art von Partnerschaft zwischen Google und Back Market fühlt sich wie ein Beispiel der kollektiven Neubewertung der Situation an. Auch wenn Elektroschrott nur 5 % des globalen Abfallaufkommens auf Deponien ausmacht, ist er für 70 % der globalen Abfalltoxizität verantwortlich. Darum müssen wir jetzt handeln!”

Ein wichtiges Element dieser Partnerschaft ist, wie Google und BackMarket die Chrome OS Flex USB-Sticks in Schulen und Hochschulen einführen, die sonst weiterhin mit alter Hardware arbeiten würden. Kuscher von Google sagt, dass eine solche Maßnahme helfen kann, das Klassendenken von Fast Tech zu überwinden, das im Prinzip Institutionen und Einzelpersonen dafür bestraft, sich keine Aufrüstung ihrer Ausstattung leisten zu können, sprich, dass sie weiter mit unzweckmäßigen Betriebssystemen arbeiten müssen.

“Die Nutzer:innen verdienen sichere Betriebssysteme, die erschwinglich und zugänglich sind“, fügt er hinzu. „Ich denke, das ist der Grund, warum wir mit Chromebooks im Bildungsbereich so viel Erfolg hatten. Wir haben den Preis deutlich gesenkt und dafür gesorgt, dass man eine gute Erfahrung macht. Ich glaube jedoch, dass Flex und Back Market all dies auf die nächste Stufe heben, da NGOs und Schulen ganz direkt aus der Partnerschaft Nutzen ziehen.”

„Hardware ist kein Einmalkauf mehr. Durch unsere Zusammenarbeit mit Back Market machen wir deutlich, dass wir eine Verantwortung gegenüber Schüler:innen und Angestellten haben: Geräte, mit denen sie lernen, müssen viel länger funktionsfähig bleiben.“ 

Nun, da Google mit Back Market zusammenarbeitet, wie geht es weiter? Für Howard sind die Möglichkeiten unbegrenzt. Sei es Apple oder Samsung, sie möchte nun mit anderen Fast-Tech-Marken zusammenarbeiten und sicherstellen, wie jene sich besser in eine Gesellschaft einpassen können, die von erneuerter Technik geprägt ist.

“Durch die Partnerschaft mit Google fangen wir an, Back Market eher als heilende Kraft zu verstehen”, fasst Howard zusammen. “Um etwas zu heilen, muss man zunächst einmal erkennen, dass ein Problem vorliegt, oder? Jetzt, da Google das Problem erkannt hat, warum können wir nicht auch andere dazu bringen, dasselbe zu tun?

Indem wir zeigen, wie absurd es ist, Menschen dazu zu überreden, alle zwei Jahre 1500 Eurofür ein neues Smartphone oder sonstige Technik auszugeben, können wir positive Wellen für den Planeten schlagen. Das wird die Rolle von Back Market sein: Wir halten die großen Tech-Unternehmen auf Trab. Die Partnerschaft mit Google ist nur der Anfang.” 

Geschrieben von Thomas HobbsJournalist

Thomas Hobbs ist ein freiberuflicher Journalist aus Großbritannien, der für Titel wie den Guardian, Financial Times, Telegraph, Pitchfork, New Statesman, Stereogum, BBC Culture und viele andere geschrieben hat. Er hat Interviews geführt mit Persönlichkeiten wie Nas bis Usher, Weyes Blood und Joe Hisaishi. In seiner Freizeit sammelt und spielt er gerne alte Videospiele.

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