Wie die Nintendo DS bis heute Kreative inspiriert

16. Juni 2026


7 Min. Lesezeit


Francisco Dominguez

Freiberuflicher Journalist

Auch wenn Nintendos Fokus heutzutage auf der Switch 2 liegt, hat das Künstler nicht davon abgehalten, weiterhin den Nintendo DS und 3DS zu nutzen, um ihre Kreationen zu unterstützen. Francisco Dominguez spricht mit einigen dieser Künstler.

Nintendo stellte die Produktion seiner beliebten Handheld-Konsolen DS und 3DS zwar bereits 2020 ein, ihr Einfluss auf Kreative ist seitdem jedoch eher gewachsen. Dank der zwei Bildschirme und der Bedienung per Stylus haben sich die beiden Konsolen zu einem ebenso ungewöhnlichen wie praktischen Werkzeug für digitale Kreativität entwickelt.

Colors! 3D, ein kostenloses Zeichen- und Malprogramm, das 2007 erstmals für die Nintendo DS erschien und heute über Firmware-Hacks noch immer von Tausenden DS- und 3DS-Fans genutzt wird, steht inzwischen hinter zahlreichen Kunstwerken, die auf Plattformen wie TikTok geteilt werden. Selbst Popstar Billie Eilish veröffentlicht solche Bilder mittlerweile online. 

Auch Animator:innen nutzen Programme wie Flipnote Studio auf der 3DS, um damit kreative Kurzfilme zu erstellen. Gleichzeitig hat sich die charmant körnige 0,3-Megapixel-Kamera der Konsole zu einem Kultwerkzeug für Schnappschüsse im Y2K-Look entwickelt. Und kaum eine Woche vergeht auf X, ohne dass Konzertaufnahmen viral gehen, die mit einer DS oder 3DS entstanden sind. Ein ziemlich eindeutiger Beweis dafür, dass die Handhelds kulturell noch immer relevant sind.

Einer der Gründe, warum die DS ihren Weg in die Kunstszene gefunden hat, könnte Tancred Dyke-Wells sein, der kreative Kopf hinter der beliebten Spielereihe Art Academy. Mit den Titeln für DS und 3DS erlernten Millionen Menschen traditionelle Techniken wie Acrylmalerei oder das Zeichnen mit Kohlestiften digital. Die Konsolen mit ihrer Stiftsteuerung waren wie gemacht für das Spielprinzip: Auf dem oberen Bildschirm erschien die Anleitung, auf dem unteren konnten die Spieler:innen ihr eigenes Werk schaffen.

Tancred Dyke-Wells hat dazu beigetragen, den DS und 3DS als künstlerische Geräte zu etablieren.

„Ich erinnere mich noch daran, wie begeistert der Produzent bei Nintendo von dem war, was wir entwickelt hatten. Er lief sofort los, um es seiner Familie zu zeigen“, erzählt Dyke-Wells gegenüber Back Market. Art Academy begann ursprünglich als einfache Demo, bei der man Früchte malen konnte. „Ich habe längst aufgehört zu zählen, wie viele Menschen mir erzählt haben, dass sie durch unser Spiel auf der DS oder 3DS selbst mit dem Malen angefangen haben.“

Mit dem DS professionell kreativ arbeiten

Einer, der seine Karriere eng mit der Nintendo DS und 3DS verknüpft hat, ist der britische Fotograf Marquee Moon Jr. Wenn er Konzerte fotografiert, hat er seine 3DS immer dabei. Trotz seiner deutlich professionelleren Kameraausrüstung sind die Bilder, die mit Nintendos Handheld entstehen, bei seinen Kund:innen besonders gefragt. Vor allem seine sogenannten Wigglegrams kommen gut an – dabei verwandelt er 3DS-Fotos mithilfe von Webtools in Lo-Fi-GIFs.

„Wenn man Kunst macht, gibt es auf dem 3DS keine Ablenkungen. Die Arbeit fühlt sich roher an“ – Marquee Moon Jr, professioneller Fotograf

„Jedes Mal, wenn ich jemandem ein GIF zeige, das mit der 3DS entstanden ist, sind die Leute begeistert“, sagt Moon Jr. lachend während unseres Video-Calls. „Oft sogar mehr als von meinen Fotos mit professioneller Ausrüstung. Wir haben uns zu sehr an diese perfekt inszenierte Smartphone-Welt gewöhnt. Genau das fehlt bei der 3DS.“ Sein täglicher Begleiter ist eine 2DS XL, signiert von Sarah Bonito, der Sängerin der britischen Indie-Pop-Band Kero Kero Bonito.

Farben! ist eine beliebte Malanwendung für den DS und 3DS.

Für seine beste Arbeit hält Marquee Moon Jr. ein Wigglegram von Bonito bei einem Konzert im Headrow House in Leeds. Die Aufnahme der Sängerin in ihrem wirbelnden weißen Kleid entfaltet gerade durch ihre Lo-Fi-Ästhetik ihre Wirkung. „Mit einer professionellen Kamera würdest du viel mehr Details im Publikum einfangen“, erklärt er. „Dann würdest du plötzlich denken: ,Oh, da verschüttet jemand gerade sein Getränk‘, und schon wäre die Wirkung des Bildes dahin. Bei der 3DS gibt es solche Ablenkungen nicht. Im Mittelpunkt stehen nur Bonito mit ihren erhobenen Armen und die Menschen vor der Bühne, die sich voller Erwartung zur Bühne lehnen.“

Inspiration für Kunst-Studierende 

Für die Kunst studierende Person der Monash University mit dem Nickname „Squall“ ist die DSi XL ein ständiger Begleiter. Die multifunktionale Konsole kommt täglich mit in die Vorlesung und dient mal als Kamera im Einkaufszentrum, mal als Storyboard für Animationsprojekte oder als digitales Skizzenbuch für Figurenentwürfe und Fan-Art. „Dieses Gerät ist perfekt für kreative Projekte!“, sagt Squall begeistert. Besonders schätzt sie die verspielte Nostalgie, die den Bildern und Zeichnungen des DSi XL ihren ganz eigenen Charakter verleiht.

Im Vergleich zu den professionellen Designprogrammen, die im Studium eingesetzt werden, fühlt sich die Arbeit mit der DS deutlich unkomplizierter an. „Die meisten Animationsprogramme haben eine ziemlich verschachtelte Benutzeroberfläche“, erklärt Squall. „Bei der DS ist das nicht so.“

Matt Navas auf einem Nintendo DS Lite geschaffene Kunstwerke wurden in einer Ausstellung im Londoner V&A Museum gezeigt.

Genau diese Einfachheit macht die Konsole für viele Kreative so attraktiv. Anders als bei einem iPad oder modernen Kameras verliert man sich hier nicht in endlosen Menüs und Einstellungen. Stattdessen kann man sofort loslegen, sobald das Klappgehäuse geöffnet wird. So wurde die DS beinahe zufällig zu einem kreativen Werkzeug – und setzt eine Tradition fort, die Nintendo möglicherweise schon Ende der 1990er-Jahre mit der Game Boy Camera begonnen hat.

Mit dem DS auf Motivsuche 

Für Matt Nava lag genau darin der Reiz der Nintendo DS. Der ehemalige Art Director des Indie-Studios thatgamecompany packte 2009 während der Entwicklung des PlayStation-3-Hits Journey seine DS und den Stylus ein und machte sich auf den Weg zu den Pismo Dunes in Kalifornien. In dem Spiel gleitet eine geheimnisvolle Gestalt durch eine weite Wüstenlandschaft. Für Nava konnten herkömmliche Kameras die leuchtenden Farben, das grelle Licht und die feinen Strukturen der Dünen nicht so einfangen, wie er sie vor Ort erlebte.

„Wenn du draußen mit der Nintendo DS zeichnen willst, hast du nur ein Problem: Der Bildschirm ist viel zu dunkel“, erzählt Nava lachend. „Da stehst du dann in der gleißenden Sonne auf deiner Düne und erkennst kaum etwas!“ Also griff er zu Karton, Klettverschluss und Bastelmesser und entwickelte nach einigem Tüfteln eine eigene Sonnenblende, damit er die Landschaft auch im grellen kalifornischen Sonnenlicht skizzieren konnte.

„Die Tatsache, dass der Nintendo DS und der 3DS weiterhin zu viralen Kunstwerken führen, ist ein Beweis dafür, dass großartige Technologie nicht dadurch lebt und stirbt, wie lange sie im Handel erhältlich ist.“

Die daraus entstandenen Zeichnungen zählen wohl zu den bekanntesten Kunstwerken, die jemals auf einer Nintendo DS geschaffen wurden. Die Skizzen beeinflussten direkt die visuelle Gestaltung von Journey, einem der eindrucksvollsten Spiele für die PlayStation 3. Im Jahr 2018 schafften es Navas DS-Kunstwerke und seine von Wind und Sand gezeichneten Leinwände sogar in die Ausstellung „Design/Play/Disrupt” im Victoria and Albert Museum in London. Spätestens damit wurde klar: Auf einer Handheld-Konsole kann durchaus ernstzunehmende Kunst entstehen.

Heute ist Nava Mitgründer des Indie-Studios Giant Squid, das im vergangenen Jahr das Wüstensurfer-Abenteuer Sword of the Sea veröffentlicht hat. Nach wie vor ist er vom handlichen Format der DS begeistert sowie von der Unmittelbarkeit von Colors! 3D, das praktisch wie ein Spiel bedient wird. „Ich versuche seit Jahren, diese Einfachheit der DS nachzubilden“, sagt Nava.

„Ja, das iPad ist großartig. Aber manchmal bietet es fast schon zu viele Möglichkeiten. Wenn man draußen arbeitet, verliert man schnell den Fokus und verbringt mehr Zeit damit, über den richtigen Pinsel nachzudenken, als einfach loszulegen. Bei der DS oder 3DS gibt es diese Ablenkungen nicht. Man kommt direkt zur Sache.“

Das kreative Vermächtnis der DS und 3DS 

Noch heute erreicht Art Acadamy millionenfach Aufrufe auf Instagram. Für Dyke-Wells ist genau das bis heute der größte Erfolg seiner Karriere. „So viele Menschen haben mir gesagt: ,Ich hätte nie gedacht, dass ich zeichnen kann. Aber dank dieser Spiele habe ich das Malen und Zeichnen für mich entdeckt.‘ Den Satz könnt ihr gerne auf meinen Grabstein meißeln!“

Dass auf der Nintendo DS und 3DS noch immer virale Kunstwerke entstehen können und beide Konsolen online so sichtbar sind, zeigt: Großartige Technik lebt nicht davon, wie lange sie im Handel erhältlich ist, sondern davon, wie lange sie Menschen inspiriert. Nintendo konzentriert sich heute zwar auf die Switch 2. Doch solange angehende Kreative nach einem Gerät suchen, das sie einfach aufklappen und loslegen können, werden DS und 3DS weiter mit Begeisterung genutzt werden.

Oder in den Worten von Squall: „Die DS und die 3DS fühlen sich eher wie ein Spielzeug an, mit dem man zeichnen kann, nicht wie moderne Technik. Genau deshalb werden Kreative sie immer lieben.“

Geschrieben von Francisco DominguezFreiberuflicher Journalist

Francisco Dominguez ist ein freiberuflicher Journalist, der sich auf Videospielkultur spezialisiert hat.

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