Enshittification: Wenn moderne Technik systematisch schlechter wird (statt besser)

26. Januar 2026


7 Min. Lesezeit


Kate Demolder

Freiberuflicher Journalist und Texter

In seinem neuen Buch „Enshittification“ greift der Technologie-Kritiker Cory Doctorow einen Begriff auf, der die wachsende Frustration über Fast Tech auf den Punkt bringt und erklärt, was wirklich dahintersteckt. Entscheidend dabei: Er zeigt auch, wie wir uns diesem Prozess entgegenstellen können.

Manchmal ist ein Begriff so treffend für eine diffuse Gemengelage, dass er einer ganzen Bewegung Halt und Richtung gibt. „Enshittification“, geprägt vom Tech-Aktivisten Cory Doctorow, ist genau so ein Begriff. Gerade im Jahr 2026 wirkt er besonders hellsichtig: Angesichts steigender Preise bei gleichzeitig schlechter werdenden Services, einer Flut von Deepfakes und Online-Marken ohne funktionierenden Kundenservice beschreibt er den Prozess, durch den digitale Plattformen über die Zeit hinweg rapide an Qualität verlieren.

Im Kern beschreibt Enshittification, warum die digitalen Dienste, auf die wir aus Bequemlichkeit setzen – soziale Netzwerke, Nachrichtenportale, günstige Online-Shops und mehr – ihren Zweck zunehmend verfehlen. Und wie diese Dienste stattdessen beginnen, sich nach den Interessen ihrer lukrativsten Partner zu richten, während die Nutzer:innen, auf deren Vertrauen das Geschäftsmodell ursprünglich basierte, immer weiter aus dem Blick geraten und sich mit weitgehend unbrauchbaren Plattformen herumschlagen müssen.

Die Idee kam Doctorow erstmals auf einer Reise durch das ländliche Puerto Rico. Als er auf der Suche nach einem Restaurant war, stellte er fest, dass die Inhalte von TripAdvisor nicht laden wollten, die Werbung jedoch schon. Daraufhin beschwerte er sich auf Twitter: „War bei TripAdvisor überhaupt schon einmal jemand selbst auf Reisen? Das ist die am stärksten enshittifizierte Website, die ich je gesehen habe.“ Fast augenblicklich war eine Bewegung geboren. Seitdem wurde „Enshittification” zweimal zum Wort des Jahres gekürt, inspirierte eine komplette „Black Mirror”-Episode und dient heute weltweit als Begriff für das digitale Unbehagen gegenüber einer Fast-Tech-Kultur, die auf sinnlose Upgrades setzt, statt auf den Erhalt dessen, was bereits gut funktioniert.

„Die Botschaft von ‚Enshittification‘ lautet: Man kann Probleme nicht mit persönlichen Konsumentscheidungen lösen, genauso wenig wie Mülltrennung Waldbrände verhindern kann, die das eigene Haus zerstören.“ – Cory Doctorow, Autor von „Enshittification“

In seinem neuen Buch Enshittification: Why Everything Suddenly Got Worse And What To Do About It (auf Englisch erschienen im Oktober) beschreibt Doctorow, wie dieser Prozess direkt vor unseren Augen abläuft. Er unterscheidet dabei drei Phasen: Zunächst richten sich Unternehmen konsequent an den Bedürfnissen ihrer Nutzer:innen aus und locken sie mit dem Versprechen von Vernetzung oder Komfort an. Sind diese erst einmal an das Produkt gebunden, verschiebt sich der Fokus auf die lukrativsten Kunden (meistens Werbekunden) oder auf Anteilseigner:innen, häufig auf Kosten zentraler Funktionen. In der dritten Phase, so Doctorow, wird die Nutzererfahrung schließlich zu „einem gigantischen Haufen Mist“, um die Erträge für die Unternehmensspitze weiter zu maximieren. Zur Untermauerung seiner These verweist er unter anderem auf Amazon und X (ehemals Twitter).

Im Zentrum von Doctorows Buch stehen die strukturellen Fehlanreize, die solche Systeme überhaupt erst ermöglichen. Back Market hat mit dem Autor darüber gesprochen, wie es so weit kommen konnte und ob wir tatsächlich auf eine komplett enshittifizierte Zukunft zusteuern.

Cory Doctorow, Autor von „Enshittification: Warum alles plötzlich schlimmer wurde und was man dagegen tun kann“

Was bedeutet Enshittification überhaupt?

„Enshittification“ ist ein Erklärungsmodell dafür, warum sich die Dinge, auf die wir im Alltag angewiesen sind, spürbar verschlechtern. Der Begriff beschreibt zunächst den Verfall digitaler Plattformen. Entscheidend ist jedoch, dass Enshittification mehr ist als nur eine Zustandsbeschreibung: Das Konzept liefert eine kausale Erzählung, die diese Entwicklung erklär- und damit diskutierbar macht.

Warum passiert das ausgerechnet jetzt? Warum werden Kund:innen erst angelockt, dann enttäuscht und letztlich übervorteilt? Ganz ehrlich: Weil politische Rahmenbedingungen es möglich machen, dass die Verantwortlichen an der Spitze nahezu alles ungestraft tun können. Das ist die logische Folge, wenn ganze Branchen auf eine Handvoll Unternehmen zusammenschrumpfen. Ohne ernsthafte Konkurrenz müssen sie sich nicht mehr bemühen. Genau darin liegt das Kernproblem – und der Grund, warum dieses Thema dringend diskutiert werden muss.

Hat sich kulturell etwas verändert, seit der Begriff 2022 erstmals größere Aufmerksamkeit bekommen hat?

Interessant ist, dass die Schutzmauern, die amerikanische Big-Tech-Konzerne über Jahre aufgebaut haben, um ihre Geschäftsmodelle zu sichern, in Europa gerade zum ersten Mal ernsthaft hinterfragt werden. Dazu gehören etwa Gesetze, die das Umgehen technischer Schutzmaßnahmen verhindern sollen – also genau jene Reverse-Engineering-Praktiken, die notwendig wären, um Plattformen wie die in meinem Buch beschriebenen zu entmonopolisieren. Das ist der größte Unterschied zwischen der geopolitischen Lage von 2022 und heute. Und dann ist da natürlich noch Trump als Präsident. Schön ist das nicht, aber es ist nun mal so. Und wir müssen das Beste daraus machen.

“Die Botschaft von „Enshittification“ lautet: Man kann Probleme nicht mit persönlichen Konsumentscheidungen lösen, genauso wenig wie Mülltrennung Waldbrände verhindern kann, die das eigene Haus zerstören.“ – Cory Doctorow, Autor von „Enshittification“

Kann Enshittification irgendwann verschwinden? Oder stecken wir in dieser Spirale für immer fest?

In der Finanzwelt gibt es das Stein’sche Gesetz, das besagt, dass alles, was nicht endlos weitergehen kann, irgendwann auch wieder aufhört. Ein großer Teil meines Buches zeigt, welche politischen Veränderungen nötig wären, um Enshittification zu stoppen. Fragt man allerdings Politikwissenschaftler:innen, behaupten sie, dass am Ende die Interessen von Milliardären über politische Entscheidungen bestimmen. Denn wenn Milliardäre etwas nicht wollen, setzen sie sich in der Regel durch. Genau deshalb haben wir schließlich auch eine Klimakrise.

Enshittification ist inzwischen so weit fortgeschritten, dass dieser Zustand nicht länger ignoriert werden kann. Genau an diesem Punkt stehen wir heute. Wir müssen etwas verändern, damit aufhören oder das Ganze zumindest eingrenzen. Es ist kein aussichtsloses Unterfangen, die extreme Konzentration von Reichtum auf einige Wenige abzubauen und die Ausbeutung der Mehrheit zu beenden. Unsere Vorfahren haben das bereits geschafft. Sie waren weder klüger noch engagierter oder stärker bedroht als wir. Politische Maßnahmen, die ganz normale Menschen vor Gier und Betrug schützen, sind keine längst vergessene Kunst.

„Enshittification: Why Everything Suddenly Got Worse And What To Do About It” von Cory Doctorow ist ab sofort im Buchhandel erhältlich. Die deutsche Übersetzung „Enshittification: Wie Tech-Konzerne uns ausbeuten und was wir dagegen tun können” erscheint im Mai im Aufbau Verlag (übersetzt von Hans-Peter Remmler).

Was hoffst du, kann dein Buch bewirken?

Im Kern geht es in Enshittification darum, dass sich diese Probleme nicht durch individuelle Konsumentscheidungen lösen lassen – genauso wenig, wie Mülltrennen allein verhindert, dass ein Waldbrand dein Haus niederbrennt. Ich hoffe, dass die Leser:innen aus dem Buch vor allem eines mitnehmen: dass sie sich politisch einbringen und in ihren Gemeinden aktiv werden. Denn eines haben wir hier in den USA gelernt: Auf lokaler Ebene gibt es überraschend viele Möglichkeiten, tatsächlich etwas zu verändern. Ob ein Unternehmen etwa Geräte verkaufen darf, bei denen Reparaturen bewusst blockiert werden, lässt sich auf lokaler Ebene regeln. Mehrere US-Bundesstaaten haben bereits entsprechende Gesetze verabschiedet, darunter den „Digital Fair Repair Act“ in New York. Er verpflichtet Hersteller dazu, Informationen zur Reparatur und Ersatzteile für alle zugänglich zu machen, die sie benötigen. Darin liegt eine große Chance.

Geben Organisationen wie Back Market und Bewegungen wie Right to Repair dir Hoffnung für die Zukunft?

Ich verwende gerne das Wort Hoffnung statt Optimismus. Denn Optimismus ist fatalistisch. Hoffnung hingegen bedeutet, daran zu glauben, dass man etwas verändern kann, wenn man es versucht. Dass wir in der ganzen Geschichte eine Rolle spielen und allem nicht einfach ausgeliefert sind. Mir ist außerdem wichtig, dass Enshittification im Zusammenhang mit Themen wie der Klimakrise und dem Erstarken autoritärer Tendenzen betrachtet wird. Es handelt sich um dieselben Phänomene: Wohlhabende Eliten entscheiden darüber, wie wir leben, ohne Rechenschaft darüber abzulegen, und profitieren dabei selbst. Damit schaden sie der Mehrheit.

Teil einer Kreislaufwirtschaft zu sein, aber auch das Engagement von Back Market und der „Right to Repair”-Bewegung tragen definitiv dazu bei, die Macht in unseren Händen zu behalten. Aber das reicht nicht aus. Es braucht systemische Veränderungen. Wir haben aktuell die riesen Chance, Anreize im globalen Internet neu zu setzen und uns so aus der Abhängigkeit von US-geprägten Tech-Politiken zu lösen. Die Bereitschaft dafür ist da – und das war einer der Hauptgründe, warum ich dieses Buch geschrieben habe. Der andere Grund ist, dass es höchste Zeit ist, Milliardären nicht länger zu erlauben, alles zu kontrollieren. Oder besser: ihnen überhaupt zu erlauben, irgendetwas zu kontrollieren.

„Enshittification: Why Everything Suddenly Got Worse And What To Do About It” von Cory Doctorow ist ab sofort im Buchhandel erhältlich. Die deutsche Übersetzung „Enshittification: Wie Tech-Konzerne uns ausbeuten und was wir dagegen tun können” erscheint im Mai im Aufbau Verlag (übersetzt von Hans-Peter Remmler).

Geschrieben von Kate DemolderFreiberuflicher Journalist und Texter

Fandest du diesen Artikel hilfreich?