
Ein Stück Gallium. Bildnachweis: Bloomberg/Getty
Gallium ist weich und silbrig-weiß. Schon durch reine Körperwärme schmilzt es in der Handfläche zu einem kleinen Metallsee. Doch dieses Element – das in derart geringen Mengen gehandelt wird, dass sein Volumen meist in Kilogramm gemessen wird – ist ein zentraler Baustein der globalen Geopolitik. Es ist äußerst begehrt, denn es steht genau an der Schnittstelle zwischen militärischem Wettbewerb, der Energiewende und dem Wettlauf um die Vorherrschaft bei der KI.
Ungewöhnlich ist, dass es nicht für sich genommen abgebaut wird. Stattdessen kommt es in sehr geringen Konzentrationen in anderen Erzen vor (zum Beispiel in Bauxit, aus dem Aluminium gewonnen wird) und fällt größtenteils als Nebenprodukt der industriellen Aluminiumveredelung an. Dennoch hat sich Gallium zu einem der strategisch wichtigsten Rohstoffe der Welt entwickelt. Das liegt daran, dass es in sogenannten Wide-Bandgap-Halbleitern (WBS) mit großer Bandlücke verwendet wird – diese werden für die Herstellung von Elektrofahrzeugen, Rechenzentren, Solarwechselrichtern und militärischen Radarsystemen benötigt. Kurz gesagt: für all die Dinge, auf die wir im Alltag angewiesen sind.
In Smartphones ist das Material wiederum unverzichtbar für die Funkverbindung und schnelles Laden der Akkus. Und selbst wenn uns schnellere Ladestationen für E‑Autos oder bessere KI‑Modelle persönlich nicht so wichtig sein sollten: Sobald der Lagerbestand an Gallium knapp wird, hat das Folgen für die gesamte Weltwirtschaft. Chiphersteller müssen mehr dafür bezahlen oder länger auf den Rohstoff warten, während Produzenten mit Verzögerungen und steigenden Kosten kämpfen. Ganz zu schweigen davon, dass es am Ende die Verbraucher:innen sind, die die Misere in Form höherer Preise ausbaden müssen.
Derzeit kontrolliert ein einziges Land nahezu die gesamte Versorgung mit Gallium und kann damit über die weltweite Produktion bestimmen.
„Ich glaube nicht, dass das ursprünglich als geopolitisches Manöver begann. Wie bei vielen kritischen Rohstoffen war vieles dem Zufall geschuldet – und erst später erkannten die [chinesischen] Behörden, dass sich daraus ein nützliches Druckmittel machen lässt.“
Chinas Druckmittel
China erzeugt 99 % des weltweiten Galliums. Die Kontrolle des Landes über die Gewinnung dieses einst eher unbekannten Elements ist mittlerweile zu einem „Flaschenhals“ geworden: zu einer geopolitischen Bruchlinie (vergleichbar mit der Straße von Hormus, aber praktisch unsichtbar), die die internationalen Beziehungen zwischen den größten Volkswirtschaften der Welt neu ordnet. Dennoch ist Chinas Dominanz in Bezug auf das Gallium nicht das Ergebnis langfristiger, geschweige denn finsterer, Planungen.
Weil die Aluminiumproduktion in China jahrzehntelang staatlich subventioniert wurde – das Land ist mit Abstand der weltweit größte Exporteur dieses Metalls –, wurden Produzenten in den Vereinigten Staaten, Deutschland und Japan aus dem Markt gedrängt.
Dadurch war China der einzige Ort, an dem die Gallium-Gewinnung wirtschaftlich rentabel blieb. Aidan Powers-Riggs, ein Associate Fellow beim Thinktank Center for Strategic and International Studies (CSIS) in Washington, D.C., und Experte für kritische Rohstoffe formuliert es so: „Ich glaube nicht, dass das ursprünglich als geopolitisches Manöver gedacht war“, sagte er. „Wie bei vielen kritischen Rohstoffen war vieles dem Zufall geschuldet. Erst später erkannten die [chinesischen] Behörden, dass sich daraus ein nützliches Druckmittel machen lässt.“
Im Laufe der Zeit erkannte Peking dann aber, dass es über eine mächtige Waffe verfügte. Und nachdem die Vereinigten Staaten (unter der Biden-Regierung im Jahr 2022) Beschränkungen für den Export von Halbleitern verhängt hatten (im Rahmen eines Maßnahmenpakets, das eindeutig darauf abzielte, die technologische Vorherrschaft der USA im Bereich KI zu sichern), machte sich China diese Waffe zunutze und führte 2023 erstmals Exportkontrollen für Gallium ein.
Damals wurden diese Maßnahmen als übliche „Dual-Use“-Vereinbarungen dargestellt, bei denen ein Unternehmen beim chinesischen Wirtschafts- und Handelsministerium, bekannt als MOFCOM, eine Ausfuhrgenehmigung beantragen muss, um nachzuweisen, dass das Material nicht für militärische Zwecke verwendet wird. Dieser Schritt wurde weithin als Vergeltungsmaßnahme gegen die im Vorjahr erlassenen Sanktionen der Biden-Regierung verstanden.
Trotzdem hielten sich ausländische Unternehmen daran, woraufhin sich die Liefermengen wieder normalisierten. Doch im Dezember 2024, als Reaktion auf eine neue Reihe US-amerikanischer Exportkontrollen für Halbleiter, „ging China schließlich von einer Dual-Use-Lizenzpflicht zu einem konkreten Embargo für Ausfuhren in die Vereinigten Staaten über. Selbiges umfasste nicht nur das Metall Gallium an sich, sondern galt darüber hinaus auch für Galliumarsenid und Galliumnitrid.“ Dabei handelt es sich um Galliumverbindungen, die insbesondere für fortschrittliche Technologien benötigt werden.
„Einige Monate später kam es zu ersten Engpässen und die Kontrollen wurden verschärft“, sagte Powers-Riggs. „Es ist das eine, eine Vorschrift zu erlassen; es ist etwas ganz anderes, sie in einem Markt durchzusetzen, in dem die jährlichen Mengen in Kilogramm gemessen werden.“ Mit anderen Worten: Mit der Durchsetzung dieser Sanktionen übernahm Peking die Kontrolle über die Galliumversorgung, und die globalen Märkte wurden darauf aufmerksam.
Dieser Schlagabtausch setzte sich bis zur Amtszeit der nachfolgenden US-Regierung fort: Im Jahr 2025 reagierte China auf die Strafzölle der Trump-Regierung mit einer weiteren Verschärfung seiner Exportbeschränkungen für eine ganze Reihe sogenannter Seltener Erden – von Samarium über Scandium bis Yttrium. Nun sahen sich Unternehmen, von Autoherstellern in Deutschland und Frankreich über Elektronikkonzerne in Japan bis zu Luft- und Raumfahrtgiganten in den USA, plötzlich mit sich verschärfenden, potenziell lähmenden Versorgungsengpässen konfrontiert.

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Eine Pattsituation
Als sich Präsident Trump und sein chinesischer Amtskollege im Oktober 2025 am Rande des Gipfels der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (APEC) in Korea trafen, waren kritische Mineralien längst kein Nischenthema mehr. Entsprechend sorgte es für Schlagzeilen, dass sie sich darauf einigten, die Eskalation auszusetzen, und in einem Informationsschreiben des Weißen Hauses hieß es: „China wird allgemeine Lizenzen für den Export von Seltenen Erden, Gallium, Germanium, Antimon und Graphit zum Nutzen von US-Endabnehmer:innen und deren Lieferant:innen weltweit erteilen.“
Nach Trumps China-Reise im April 2026 wurde das Thema erneut aufgegriffen. Doch zumindest bei Gallium, so behauptete Powers-Riggs, „hat sich nichts geändert“. Der Handel mit knappen Rohstoffen ist ein undurchsichtiges und sensibles Geschäft, aber offenbar wurden weiterhin keine Lizenzen erteilt – und die stark steigenden Preise zeugen von einer anhaltenden Versorgungskrise. Vor kurzem erreichte Gallium ein weiteres Allzeithoch; sein Preis ist seit Anfang 2026 um mehr als 30 % gestiegen.
Unterdessen verhängte China im Januar 2026 ein neues Exportverbot, diesmal gegen Japan, nachdem dessen neue Premierministerin Sanae Takaichi erklärt hatte, ein Angriff auf Taiwan, wo die weltweit fortschrittlichsten Chip-Hersteller ansässig sind, könne eine „existenzielle Bedrohung“ für Japan darstellen.
„Wenn China den Hahn aufdreht und wieder große Mengen auf den Markt bringt, könnte der Preis einbrechen.“
Die nächsten Schritte
Was können andere Länder also dagegen unternehmen? „In den vergangenen zwölf Monaten ist tatsächlich schon einiges passiert“, sagt Powers-Riggs. „Vereinfacht gesagt gilt: Überall dort, wo außerhalb Chinas Aluminium produziert wird, insbesondere in verbündeten Staaten, sollte man gleichzeitig in die Gewinnung von Gallium aus Produktionsabfällen investieren.“
Wie der australische Handelsminister mitgeteilt hat, soll die Gallium-Anlage von Alcoa im westaustralischen Wagerup im Rahmen einer gemeinsamen Investitions- und Abnahmevereinbarung zwischen den Regierungen Japans, der USA und Australiens in Zukunft beispielsweise 100 Tonnen Gallium pro Jahr produzieren, also 10 % der weltweiten Nachfrage. Weitere Projekte in unterschiedlichen Entwicklungsstadien gibt es in Kanada, den USA, Deutschland und Jamaika und manch einer hofft, dass neue Verarbeitungstechnologien zu kostengünstigeren Gewinnungsmethoden führen werden.
Ohne abgestimmte Vereinbarungen wird eine gesicherte Produktion aber schwierig sein, vor allem angesichts der komplexen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen eines derart knappen Rohstoffs. „Wenn China den Hahn aufdreht“, merkt Powers-Riggs an, „und wieder große Mengen auf den Markt bringt, könnte der Preis einbrechen und diese neuen Industrieprojekte gefährden.“
Recycling ist eine weitere hilfreiche Maßnahme. Hier ist Japan derzeit weltweit führend. Und auch das Anlegen von Vorräten ist attraktiv (in den USA gibt es dafür zum Beispiel eine Initiative namens „Project Vault“), hat als Lösung aber nur begrenztes Potenzial. Am Ende wird es auf einen Maßnahmenmix hinauslaufen und auf neue internationale Abkommen wie FORGE (ein im Februar 2026 von den USA gegründetes internationales Bündnis für kritische Mineralien und seltene Erden), um Preisuntergrenzen festzulegen und das zu bewahren, was die meisten Länder zunehmend als strategische Ressourcen betrachten.
Im Juni 2026 verzichteten die G7-Staaten zwar darauf, China konkret beim Namen zu nennen, erklärten aber unmissverständlich, sie wollten ihre Abhängigkeit von „einem einzigen Lieferanten außerhalb der G7“ bei Seltenen Erden und Permanentmagneten bis 2030 auf unter 60 % senken und so bald wie möglich auf 50 % herunterfahren“. „Wir werden gemeinsam mit unseren Partnern daran arbeiten“, heißt es in der Erklärung, „kritische Abhängigkeiten zu verringern und sicherzustellen, dass Versuche oder Drohungen, wirtschaftliche Abhängigkeiten als Waffe einzusetzen, scheitern.“
Gallium ist ein Mikrokosmos in einer größeren Geschichte über die Kontrolle der Rohstoffe, die Elektrofahrzeuge antreiben, KI-Systeme trainieren und Raketenabwehrsysteme steuern werden. Die weitere Entwicklung dieser Zukunftstechnologien wird davon abhängen, wer die Materialien und die Lieferketten kontrolliert, die sie überhaupt erst möglich machen.
Aluminium-Raffinerien – ob im Osten Chinas oder in Westaustralien – zählen zu den unerwarteten neuen Schauplätzen dieses Wettstreits.
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